Keiner für alle?

24. Juni 2010

DIE ZEIT | Sachsen  24.06.2010  Nr. 26

Warum der Osten dabei ist, im Fall Gauck eine große Chance zu verspielen

Die Liste der Kandidaten aus Ostdeutschland für das Amt des Bundespräsidenten ist lang: Jens Reich, Steffen Heitmann, Dagmar Schipanski und Peter Sodann gehören dazu. Sie alle eint, dass sie in den letzten 20 Jahren als mehr oder weniger aussichtslose Zählkandidaten ihrer Parteien ins Rennen geschickt worden sind. Und im Moment sieht es so aus, als würde auch der Name Joachim Gauck bald dazugehören. Verantwortlich dafür wäre allein der Osten. Denn die große Mehrheit der von hier entsandten Wahlfrauen und -männer ist zwar nicht ausdrücklich gegen Gauck, aber eben auch nicht für ihn. Bei der Wahl zum Bundespräsidenten gilt jedoch: Wer nicht für Gauck ist, ist gegen ihn. Ganz einfach.

Die Fakten: In der Ost-CDU deutet momentan vieles darauf hin, dass man sich der Parteiräson beugen und für den Kandidaten Christian Wulff votieren wird. Die Linke steht auch in den Ländern recht einhellig hinter Luc Jochimsen, jener nahezu unbekannten Bundestagsabgeordneten, die sich nun für das höchste Amt im Staat bewirbt. Außer der sächsischen FDP hat sich bisher kein anderer liberaler Landesverband im Osten für Gauck ausgesprochen. Es bleiben also nur SPD und Grüne übrig; sie sind im Moment die Einzigen, die offen für den früheren Bürgerrechtler und ersten Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde streiten. Das aber wird zu wenig sein. So lässt sich die Mehrheit in der Bundesversammlung für Christian Wulff nicht kippen.

Die Stimmung in der Bevölkerung indes ist eine andere. Laut einer Umfrage von drei sächsischen Tageszeitungen würde nahezu die Hälfte der Sachsen (47 Prozent), könnte sie den Bundespräsidenten direkt wählen, ihre Stimme Joachim Gauck geben. Ein Traumergebnis, kein anderer Kandidat zuvor erhielt hierzulande je eine so breite Unterstützung. Lediglich 28 Prozent wünschen sich den niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff als Nachfolger des zurückgetretenen Horst Köhler; und Luc Jochimsen wäre weit abgeschlagen, nur acht Prozent sind für die ehemalige Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks.

Warum verweigert sich die Mehrheit der aus dem Osten stammenden Wahlmänner und -frauen, namentlich die von CDU und der Linken, dieser enormen Begeisterung, die Gauck nun auslöst? Einer Hochstimmung, die von zahlreichen prominenten Vertretern wie Uwe Tellkamp oder Monika Maron unterstützt wird und Ausdruck eines basisdemokratischen Interesses ist, eines Willens, den man sich in diesen politikverdrossenen Zeiten eigentlich nur wünschen kann.

Kurzum: Warum vergibt der Osten die einmalige Chance, die sich mit einem Präsidenten Gauck böte? Einem Mann, dessen Biografie Ungehorsam und Realitätssinn miteinander verbindet. Der ehemalige Pfarrer, der nie daran gedacht hatte, die DDR zu verlassen, obwohl drei seiner vier Kinder in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ausgereist waren, hatte immer an die Veränderbarkeit seiner Lebensumstände geglaubt, dafür hatte er sich eingesetzt. Er teilt mit den Ostdeutschen die Erfahrung eines Umbruchs und könnte in Krisenzeiten ein Gefühl dafür vermitteln, dass es sich immer lohnt, nach neuen Wegen und Auswegen zu suchen. Read the rest of this entry »

Die Trümmer luden zum Tanzen ein

5. März 2010

DIE ZEIT | Sachsen  04.03.2010  Nr. 10

Vor 20 Jahren zogen die ersten Westdeutschen nach Leipzig. Es war die Ära der Idealisten und Glücksritter

Es ist ein reichlich paradoxes Bild, das die Situation vor 20 Jahren am besten beschreibt: Im Herbst 1989 lag Leipzig am Boden. Wie eine alte Diva dämmerte die Stadt vor sich hin. Erschöpft, bot sie kaum mehr als eine gründerzeitliche Ruinenlandschaft. Mit einem grauen Antlitz und einer schwarzen Lunge ließ sie jeden erschrecken, dem dieser Anblick neu war; der Leipzig nicht kannte oder aus eigenem Erleben wusste, dass es sich hier dennoch leben ließ – wenn auch häufiger gegen die Stadt als mit ihr, in einer Art Widerstand, die einer trotzigen Selbstbehauptung glich.

Vor allem deshalb gingen die Leipziger im Jahr 1989 auf die Straße. Sie wollten den Sozialismus reformieren und, keinen Deut weniger wichtig: ihre Stadt retten. Die Folgen dieses Aufbegehrens sind bekannt. Es riss das ganze Land mit sich und brachte die Mauer zum Einsturz.

Schon Tage später kamen die ersten Westdeutschen nach Leipzig. Fremde, die für einen längeren Zeitraum bleiben wollten und nicht wie ehedem die Messegäste zweimal im Jahr anreisten, wieder wegfuhren und die Stadt hernach irgendwie sich selbst überließen. Durch die Augen dieser Fremden wurden die Leipziger sich noch einmal selbst gewahr, nahmen sie ihre Heimatstadt völlig neu in den Blick und endlich auch in ihren Besitz. Plötzlich lag im Niedergang ein Versprechen. Mit einem Mal lag in der Vergangenheit eine Option auf Zukunft. Read the rest of this entry »

Falsche Freunde

26. Februar 2010

DIE ZEIT | Sachsen  25.02.2010 Nr. 09

OSTKURVE: Ursprünglich war ich zu der Buchpremiere von Axolotl Roadkill gegangen, um meine – bitte lachen Sie jetzt nicht – Plagiatsvorwürfe höchstpersönlich vorzutragen.
 
Ich hielt die langen, unterirdischen und äußerst schlecht beleuchteten Gänge eines Berliner Clubs für das geeignete Szenario eines Showdowns, den ich mir schon seit Wochen in meinem Kopf ausmale – ein bisschen wie in Kill Bill 2. Seit jenem Tag nämlich, als ich das Buch zum ersten Mal in den Händen gehalten hatte und mit Erschrecken feststellen musste, dass Helene Hegemann dasselbe pinkfarbene Vorsatzpapier verwendet wie ich in einem meiner Bücher.

Ich habe an dieser Stelle leider zu wenig Platz, um Ihnen einmal genau zu erklären, was ein Vorsatzpapier ist. Wen es interessiert: Schauen Sie am besten mal bei Wikipedia nach, die Erklärung dort ist ganz gut. Jedenfalls leuchtet das Buch von innen pink. Diese Idee hat Helene Hegemann, das Geniekind, von mir geklaut. Das ist ziemlich offensichtlich.

Aber im Laufe des Abends bin ich davon abgekommen, ihr das zu sagen. Obwohl ich anderthalb Stunden in der Berliner Kälte stehen musste, um eingelassen zu werden. Aber das Mädchen begann, mir leidzutun.

Sie hatte gerade zehn endlose Minuten kichernd aus ihrem Buch vorgelesen, da bekam sie von ihrem Verlag eine Geburtstagstorte überreicht. Auf der Torte war das Cover des Buches zu sehen oder jedenfalls eine Art Plagiat davon. Jeder, der das wollte, konnte sich davon ein Stück abschneiden.

In diesem Moment lief es mir kalt den Rücken herunter: Wer auch immer die Idee gehabt hatte, die Buchpremiere und den 18. Geburtstag des Teenagers vor den Augen der Weltöffentlichkeit als eine Art Reality-Show des Kulturbetriebs am selben Abend zu feiern – und selbst wenn diese bescheuerte Idee von Helene Hegemann selbst stammte –, es wäre an den freundlichen Mitarbeitern des Verlages gewesen, ihr das auszureden. Anstatt sie den anderen wie ein Tortenstück zum Fraß vorzuwerfen.

Hartnäckige Legenden

18. Februar 2010

DIE ZEIT | Sachsen 18.02.2010 Nr. 08 von Jana Hensel & Stefan Schirmer

Die Debatte um den verhinderten Neonazi-Marsch am 13. Februar verdrängt die eigentlichen Konflikte Dresdens im Umgang mit seiner Geschichte

Bereits in den frühen Nachmittagsstunden des 13. Februar 2010 sendet das offizielle Dresden positive Bilder um die Welt. An der Menschenkette, zu der neben der CDU-Oberbürgermeisterin Helma Orosz auch die Kirchen, die Gewerkschaften und zahlreiche Vereine eingeladen hatten, beteiligen sich annähernd 15000 Bürger. Von der Synagoge vorbei am Rathaus bis zum Altmarkt schaffen sie ein wie für die Medien gemachtes Symbol: Sie verteidigen ihre Stadt wie eine Festung vor den Angriffen der Rechtsextremisten.

Dass diese gut gemeinte Aktion gelingt, haben sie letztlich anderen zu verdanken. Darüber können auch die schönen Bilder kaum hinwegtäuschen. Denn zur selben Zeit blockieren mehrere Tausend, meist jugendliche, Linke die Ausfahrtstraßen rund um den Neustädter Bahnhof. Nur durch diesen Akt zivilen Ungehorsams kommt es am 65. Jahrestag der Bombardierung nicht zum Aufmarsch der Neonazis; bleiben diese, von Sicherheitskräften umzingelt, gezwungen, stundenlang in der Kälte vor dem Bahnhof auszuharren, um dann unverrichteter Dinge wieder nach Hause zu fahren.

Die Menschenkette war für das Selbstverständnis der Dresdner Bürger ebenso wie für die verantwortlichen Politiker eine wichtige Geste, ein erster symbolischer Schritt. Die Blamage aus dem vergangenen Jahr, als man kopflos agierte und mangels tragfähiger Konzepte nichts gegen die geschlossen auftretenden Neofaschisten ausrichten konnte, hat sich so nicht wiederholt. Aber Anlass zur Freude bietet dieser mühsam errungene zivilgesellschaftliche Minimalkonsens noch nicht. Read the rest of this entry »

Wurfhemmer

21. Januar 2010

DIE ZEIT | Sachsen 21.01.2010 Nr. 04

Im Dresdner Landtag hat man die Absicht, auf dem Flur zwischen den Büros der Linkspartei und der NPD eine Mauer zu errichten. Dies geht aus internen Papieren des sächsischen Geheimdienstes hervor, die der Kolumnistin vorliegen. Der Bau soll den reibungslosen Geschäftsablauf in den Fraktionen garantieren. Immer wieder war es in den vergangenen Wochen zu Handgreiflichkeiten und verbalen Auseinandersetzungen nicht nur zwischen Abgeordneten, deren Mitarbeitern, sondern auch zwischen Besuchern mit politisch extremen Ansichten gekommen. Zahlreiche Sprengsätze, die teilweise in der Unterwäsche der Sekretärinnen eingenäht waren, konnten sichergestellt werden.

Wie aus dem Bericht weiter hervorgeht, werden fünf neue Spezialtüren (Widerstandsklasse 2 mit durchwurfhemmenden Glaselementen) und selbstverriegelnden Antipanikschlössern sowie Codekarten installiert; außerdem wird die Überwachung des Treppenhauses mit Farbkameras samt Bewegungserkennung angeregt. Die Kosten hierfür liegen im hohen sechsstelligen Bereich.

Ferner werden Nacktscanner im Empfangsbereich aufgestellt, und Besuchern des Landtages wird empfohlen, auf die Mitnahme von Flüssigkeiten, Medikamenten und Hygieneartikeln zu verzichten.

Keines der beiden Lager war auf Anfrage zu einer Stellungnahme bereit. Nur so viel ist aus der heiß umkämpften vierten Büroetage mit Blick auf die Dresdner Altstadt zu hören: An all diesen Gerüchten sei nichts dran. Bis auf die Sache mit den Spezialtüren, den Antipanikschlössern, den Code-karten, der Überwachung des Treppenhauses und den Bewegungsmeldern sei alles frei von den Medien erfunden. Vielmehr bemühe man sich um ein friedliches politisches Miteinander.

Zukunft gesucht

7. Januar 2010

DIE ZEIT | Sachsen 07.01.2010 Nr. 02

OSTKURVE: Jana Hensel fällt ein Ausblick auf das neue Jahr zunehmend schwerer

Am ersten Abend des neuen Jahres saßen wir ein bisschen wie unsere Ahnen um ein Feuer versammelt, das in Wahrheit eine Fußbodenheizung war. Ein paar Freunde und meine kleine Familie. Irgendwer hatte noch eine Flasche Schampus gefunden, übrig vom Vorabend. Einige von uns zogen ihre Wollsocken aus, weil die Wärme von unten so groß war, dass man trotz des Schnees, der sich vor der Tür des Ferienhauses meterhoch auftürmte, barfuß sitzen konnte. Ein idyllischer Anblick, irgendwie. Beste Gelegenheit also, um Bilanz zu ziehen und einen Ausblick auf die kommende Zeit zu wagen.

Aber uns fiel nichts ein. Niemand beschrieb ein Szenario, weder für sich noch für die anderen. Alle, dachte ich, leben von Tag zu Tag, Monat zu Monat. Keiner mehr von Jahr zu Jahr.

In meiner Kindheit war Zukunft immer ein großes Wort gewesen. Heute ist es nahezu verschwunden, aus unserem Gebrauch, aus unserem Denken. Und ich beginne, je älter ich werde, es immer stärker zu vermissen. Nicht nur an Silvester.

Einer von uns kam gerade aus Afrika zurück, wo er für eine Hilfsorganisation in Monrovia gearbeitet hatte. Ein anderer war im vorigen Jahr dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen. Eine Operation, die oft schiefgeht, war bei ihm geglückt. Ein Dritter hatte eine Fernsehkarriere begonnen; aber weil er die große Liebe nicht finden kann, macht ihn das, was für andere wie der Garant für Glück aussehen mag, nicht zufriedener. Der Rest sucht noch, wie mir schien, nach einem Platz in der Welt. In unserer Runde war oben und unten gleich verteilt, ohne dass es auf den ersten Blick sichtbar gewesen wäre. Ohne dass die alten Bilder, die man für Arm und Reich im Kopf hat, noch taugten. Aber vielleicht wird das in Zukunft anders sein.

Vater Morgana

3. Januar 2010

ZEITmagazin 30.12.2009 Nr.01

Der moderne Papa nimmt Elternzeit, wickelt, kocht Brei und redet gern darüber wie Cem Özdemir. Aber nach ein paar Wochen ist er wieder verschwunden.

Prompt haben wir Streit, mein Freund und ich. Der Vater meines Kindes möchte den folgenden Text nicht als Kommentar auf unsere private Situation verstanden wissen. Was sollen die anderen, die Freunde und Kollegen, dann wieder von ihm denken?, zerbricht er sich den Kopf. Schließlich halten sie ihn doch alle für einen engagierten neuen Vater! Warum muss ich dieses Bild jetzt beschädigen? Und so muss ich versuchen, ihn zu besänftigen. Ich sage zu ihm: Elternleben gleichen sich, in Deutschland zumal. Wenn ich von uns erzähle, erzähle ich auch von vielen anderen, die ähnlich leben wie wir. Einverstanden? Einverstanden.

Über die Von-der-Leyen-Väter ist in den drei Jahren nach der Einführung des Elterngeldes am 1. Januar 2007 viel Gutes geschrieben worden. Väter, die nach der Geburt eine Auszeit nahmen und zu Hause blieben, waren die Stars der letzten Saison. Was aber ist aus ihnen geworden?

Die Fakten sind ernüchternd. Sie lassen die Elternzeit-Utopie wie einen Luftballon platzen, um es in der Sprache der Kinder zu sagen. In der Sprache der Väter muss es heißen: Die Elternzeit-Utopie ist abgestürzt wie eine Aktie, die an der Börse zu hoch gehandelt wurde. Die ehemalige Familienministerin und jetzige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat sich verspekuliert. Read the rest of this entry »

Mangelwirtschaft

17. Dezember 2009

DIE ZEIT | Sachsen 17.12.2009 Nr. 52

OSTKURVE: Jana Hensel sieht sich zu Festtagen mit dem vernichtenden Wörtchen “Ausverkauft” konfrontiert
 
Mein Sohn musste in diesem Jahr auf seinen Adventskalender verzichten. Die Verkäuferin in unserem Kaiser’s, die ich am 30. November ansprach, verdrehte nur die Augen, so, als hätte ich um diese Jahreszeit nach Sonnenmilch gefragt. Sie warf mir ein tonloses »Ausverkauft« hin, und ich trollte mich wie eine räudige Katze, die man mit einem Fußtritt verjagt.
 
Im vergangenen Jahr war es mir nur mit großer Ausdauer gelungen, Winterstiefel für ihn zu ergattern. In allen Läden, die ich betrat, gähnten halb leere Regale, und ich war froh, als ich in einem kleinen, etwas abgelegenen Fachgeschäft noch ein Paar in Orange bekam. Eigentlich waren sie für Mädchen, aber wählerisch zu sein habe ich mir längst abgewöhnt. Ich nehme, was ich kriegen kann.
 
Vor Sankt Martin gab es keine Laternen mehr und an Ostern nirgendwo mehr Papp-Eier. Der Prenzlauer Berg in Berlin soll einer der kinderreichsten Bezirke Europas sein. Angebot und Nachfrage scheinen hier längst wieder voneinander entkoppelte Größen zu sein. Wie früher.
 
»Das bringt aber Laufereien«, hat meine Mutter damals oft gesagt. Ich hielt dies für einen untergegangenen Satz meiner Kindheit. »Sich die Hacken ablaufen« ebenso. Und ich wehre mich, die alten DDR-Gewohnheiten wieder aufzunehmen. Aber wie lange noch kann ich mir das leisten?
 
Meine Mutter kaufte Geburtstagsgeschenke nicht, wenn der Ehrentag nahte, sondern wenn es was gab. Weihnachtsbesorgungen begannen im August, und wenn ich als Kind früher von der Schule nach Hause kam, wühlte ich in den Schränken und auf dem Dachboden so lange, bis ich was fand. Irgendeinen Vorrat hatte sie immer angelegt, und ich kannte all ihre Verstecke. Die Mangelwirtschaft bescherte mir die schönsten Momente meiner Kindheit. Worüber also beklage ich mich eigentlich?

Ein Haus in Brandenburg

3. Dezember 2009

Kolumne DIE ZEIT Nr. 5
 
Freunde von mir haben ein Haus in Brandenburg. Wenn, wie am letzten Wochenende, die Luft schon ein wenig nach Februar riecht und das Licht an die Farbe von Milch erinnert, nehmen wir unseren Sohn und fahren mit ihm aufs Land. Mit der S-Bahn bis nach Königs-Wusterhausen, dann mit einem privaten Eisenbahnunternehmen bis an den Südzipfel des Scharmützelsee.
Oft trampen meine Freunde von dort bis zu ihrem Haus. Aber es macht nicht wirklich Spaß, haben sie mir erzählt, weil oft schon das erste Auto anhält und sie mitnimmt.

Im linken Nachbarhaus wohnen Harro, der Bierkutscher, und eine alte Dame, die alle nur die Gerda nennen. Harro kann alle Biere der Welt besorgen, hat er meinen Freunden über den Gartenzaun schon kurz nach ihrem Einzug zugerufen. Im Haus ein Stück den Waldweg entlang wohnt der Schriftsteller Günter de Bruyn, ein Nachkomme Fontanes, dem Dichter der Mark Brandenburg. Sein Kollege Max Frisch hat sich einmal die Frage gestellt, wie man einer Landschaft ansieht, dass Sonntag ist? In der brandenburgischen weiß man es immer. Hier ist jeder Tag ein Sonntag.

Harro trägt oft einen Blaumann; die Gerda eine rot-blaue Kittelschürze. Aber die Gerda wohnt ja auch nicht auf dem Champs-Elysée, sondern in der Straße des Friedens. Und Herr Lehmann, der ab und zu vorbei schaut, hat immer braune Cordhosen an. Wenn er erzählt, wo im Garten meiner Freunde noch Gebeine aus den letzten Tagen des 2. Weltkriegs liegen, hören sie nicht zu. Und ich amüsiere mich über ihr Gruseln.

Warum ich das alles erzähle: Weil der ehemalige brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm sich gerade in der BILD-Zeitung beklagt hat, in Brandenburg „gäbe es einen verbreitete Stillosigkeit – im Umgang wie bei der Kleidung“. Ich kann das nicht bestätigen.

Robert Enke

24. November 2009

Kolumne DIE ZEIT Nr. 4

Das Kind, das ich einst gewesen bin, war lange in einen Fußballer verliebt. Er ging in meine Klasse und war dennoch nur hinter den Mädchen der Parallelklasse her. Ich war Luft für ihn, obwohl ich extra ins Bruno-Plache-Stadion gegangen bin. Wenn ich Lok spielen sah, dachte ich an ihn. Über meinem Bett hing ein Poster von René Müller. Er sah ihm ein bißchen ähnlich, fand ich. Er würde auch einmal Fußballer des Jahres werden. Da war ich mir sicher. Ich sah Maradona im Zentralstadion spielen, auch wenn ich weit oben in den Rängen stand und den kleinen Mann kaum erkennen konnte.

Ich tat es wegen ihm.

Da wusste ich noch nicht, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Als ich eines Tages in die Schule kam, war er mit seinen Eltern abgehauen, in den Westen. Er war weg, für immer und ewig.

Robert Enke hat seinem Leben ein Ende gesetzt. Er hat an einem Bahnübergang nicht weit von seinem Haus nahe Hannover auf den Zug gewartet und ist mit ihm verschwunden.

Mein Fußballer ist damals auch in die Nähe von Hannover gezogen. Er schrieb mir von dort Briefe, auf die ich nicht geantwortet habe. Ich verstand nicht, warum er mir und nicht den Mädchen aus der Parallelklasse schrieb.

Vor ein paar Jahren habe ich seine Mutter nach einer Lesung wieder getroffen. Sie kannte mich nicht. Sie war lediglich gekommen, weil ich von einer Zeit erzählte, in der ihr Junge ebenfalls ein Kind gewesen war. Ich sprach sie an, weil ich sie wieder erkannte.

An diesem Abend lebte der Fußballer nicht mehr. Er war in einer regnerischen Nacht nach dem Training mit seinem Auto von der Straße abgekommen. Und als ich am nächsten Morgen an seinem Grab stand, sah ich seinen Namen auf einem schlichten Holzkreuz geschrieben. So, wie er viele Jahre zuvor in unserem Klassenbuch geschrieben stand.